Aphantasie – wenn die inneren Bilder fehlen und warum Hypnose trotzdem funktioniert
Ich sitze auf dem Sofa, vertieft in „Der Herr der Ringe“. Meine Augen rasen über die Zeilen, ich lese immer schneller, als wollte ich die Geschichte in mich aufsaugen. Die Seiten sind gefüllt mit ausführlichen Beschreibungen von Landschaften, Menschen, Ungeheuern und Schlachten. Doch diese fliegen an mir vorbei, ohne innere Bilder zu erzeugen – keine Visionen von imposanten Bergen, geheimnisvollen Wäldern oder tapferen Helden erscheinen vor meinem inneren Auge. Trotzdem bin ich ganz gefangen von der Handlung.
Wochen später unterhalte ich mich mit einer Freundin über die Bücher und beklage mich über diese endlosen Landschaftsbeschreibungen. Ihre Frage, ob ich nicht in inneren Bildern versinke, verstehe ich zunächst nicht. Im Gespräch komme ich allmählich dahinter: Wir nehmen die gleiche Geschichte auf völlig unterschiedliche Weise wahr. Während sie beim Lesen in phantasievolle Bilderwelten eintaucht, bleiben für mich die Worte auf der Seite genau das – Worte.
Aphantasie und Hypnose
Viele Menschen meinen, sie müssten hypnotische Suggestionen wie auf eine innere Leinwand projiziert sehen, damit sie wirksam werden. Doch genau wie das spannende Buch mich auch ohne innere Bilder emotional berührt, funktioniert Hypnose bei mir hervorragend. Meine abstrakte Vorstellungskraft reicht aus, innere Prozesse in Gang zu setzen und mit meinem Unbewussten zu arbeiten.
Die Kraft der Formulierung
Bei Menschen mit Aphantasie hilft oft schon eine kleine Anpassung der Sprache. Statt den inneren Druck zu erzeugen, sich etwas bildlich vorstellen zu „müssen“, öffnet eine andere Formulierung den Zugang zur Hypnose viel leichter:
Obwohl ich beim Lesen keine konkreten Bilder sehe, gelingt es einer guten Geschichte genauso wie einer für mich passenden Hypnose, mich zu faszinieren und mein Erleben zu verändern. Trotz dieser Möglichkeiten bin ich ein wenig neidisch auf Menschen, die opulente innere Bilder erleben können – und forsche daher nach.
Was ist Aphantasie?
Unter Aphantasie versteht man gemeinhin die Unfähigkeit, mentale Bilder bewusst zu visualisieren – eine Besonderheit, von der etwa drei bis vier Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Dabei ist Aphantasie kein Alles-oder-nichts-Phänomen, sondern ein Spektrum:
Das Spektrum der visuellen Vorstellungskraft
Stufe 1 = lebhafte innere Bilder · Stufe 5 = keine Bilder (Aphantasie)
Stand 2022 existieren mehrere Erklärungsmodelle für die Ursache von Aphantasie. Ein Modell geht von einer Kommunikationsstörung zwischen dem Frontallappen (wo der Wille entsteht, sich etwas vorzustellen) und dem Okzipitallappen (wo das vorgestellte Bild entsteht) aus. Eine andere Theorie vermutet eine Überaktivierung im Okzipitallappen, die andere Signale überdeckt.
Aphantasie betrifft dabei nicht nur die visuelle Vorstellungskraft, sondern kann auch andere Sinne umfassen – die kinästhetische, auditive, olfaktorische und gustatorische Vorstellungskraft (spüren, hören, riechen, schmecken).
„Aphantasie ist keine Krankheit.“
— Weil der Leidensdruck der Betroffenen typischerweise sehr gering istDie Vorstellungskraft lässt sich trainieren
Im begrenzten Rahmen lässt sich trotz Aphantasie die Vorstellungskraft trainieren. Ich habe dazu eine kostenlose Reihe aus vier zehnminütigen Übungsfiles aufgenommen, die ich Newsletter-Abonnenten von Hypnokink.de zur Verfügung stelle.
Was die Wissenschaft sagt
Träume & Unbewusstes
Menschen mit Aphantasie können trotzdem bildhafte Träume erleben. Die fehlende Vorstellungskraft betrifft hauptsächlich den Wachzustand, nicht die unbewussten Prozesse im Schlaf.
Autobiographisches Gedächtnis
Studien zeigen, dass das autobiographische Gedächtnis bei Menschen mit eingeschränkter visueller Vorstellungskraft weniger lebhaft ist – ein persönlich vertrautes Phänomen.
Aphantasie und verwandte Themen
Aphantasie & Legasthenie
Es gibt bislang keine umfassenden Studien, die einen direkten Zusammenhang belegen. Dennoch fehlt Legasthenikern oft die bildhafte Vorstellung von Wörtern. Beide Phänomene betreffen unterschiedliche kognitive Bereiche.
Aphantasie & Empathie
Eine Studie der Universität Bonn zeigte: Menschen mit Aphantasie reagieren auf vorgestellte emotionale Reize weniger empathisch. In realen Situationen zeigen sie jedoch vergleichbares Mitgefühl.
Die Forschung zu Aphantasie ist noch jung. Diverse Universitäten suchen derzeit Probanden, um das Phänomen weiter zu erforschen – ein Zeichen dafür, wie viel in diesem Bereich noch entdeckt werden kann.
Hypnose – auch ohne innere Bilder
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